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Montag, 13 Februar 2006 00:00

Schweinfurter Tagblatt berichtet über Atemschutz-Lehrgang

geschrieben von

Schwerstarbeit in voller Montur

Von unserem Redaktionsmitglied Stefan Dietzer
Fotos: Schweinfurter Tagblatt

Niederwerrn - Feuerwehrleute, die mit Atemschutzgerät umgehen können, werden heute bei den meisten Brandeinsätzen gebraucht. Die Ausbildung verlangt ihnen viel ab, nicht jeder der meist jungen Leute kommt mit dem Stress zurecht. Ein Selbstversuch beim jüngsten Lehrgang der Kreisbrandinspektion.

Allgemeine Taubheit, so könnte man das Gefühl in kompletter Atemschutz-Montur beschreiben. Der schwere Anzug macht jede Bewegung steif und ungelenk, auf dem Rücken hängt die schwere Atemluftflasche. Etwa 18 Kilogramm wiegt die Ausrüstung. Alle Sinne sind stark eingeschränkt. Vom Tastsinn lassen die feuerfesten Handschuhe nicht viel übrig. Der Kopf steckt in einer Sturmhaube, einem Helm und der Atemschutzmaske, deren Scheibe nur ein begrenztes Sichtfeld freigibt. Wenn man überhaupt etwas riecht, dann das Gummi der Maske. Wer noch nie einen Lungenautomaten benutzt hat, den verwirrt das laute Röcheln des eigenen Atems. Unweigerlich denkt man an den Bösewicht Darth Vader aus "Star Wars".

Samstagmittag auf dem Gelände des Feuerwehr-Ausbildungszentrums in Niederwerrn. Halbzeit für 15 junge Männer aus dem ganzen Landkreis. Vor einer Woche haben sie mit dem Atemschutzlehrgang begonnen, eine weitere steht ihnen bevor. Fast jeden Abend heißt es nach der Arbeit Theoretisches und Praktisches lernen, an drei Samstagen müssen sie von morgens bis nachmittags ran. Dazu kommt die nicht unerhebliche körperliche und psychische Belastung. Alle Teilnehmer mussten sich vorher einem intensiven Gesundheitstest unterziehen. "Schon den besteht nicht jeder", sagt Kreisbrandinspektor Peter Höhn. Die Gründe: Übergewicht, zu geringes Lungenvolumen oder schlechte Pulswerte beim Belastungs-EKG.

Auf allen vieren kriechen wir zu zweit und mit einem kurzen Seil verbunden in eine 50 Quadratmeter große Garage, die heute als Übungsraum dient. Hier ist es weder heiß noch verraucht wie bei einem echten Einsatz. Doch einfach ist die Aufgabe deswegen noch lange nicht: Eine Puppe in Menschengröße soll gefunden und ins Freie befördert werden. Um die minimale Sicht bei starker Rauchentwicklung zu simulieren, hat man die Scheiben unserer Masken zugeklebt. Außer Hell und Dunkel ist absolut nichts zu erkennen. Aus einem CD-Player dröhnen in voller Lautstärke Brandgeräusche, Sirenen und Hilfeschreie.

"Flash-over" heißt das Phänomen, das die Feuerwehrleute bei ihren Einsätzen buchstäblich in die Knie zwingt. Das plötzliche Durchzünden und Abbrennen von Gasgemischen ist extrem gefährlich und spielt sich im oberen Bereich von Räumen ab, wenn genug Sauerstoff für die Zündung vorhanden ist. Halbwegs sicher vor den Feuerwalzen ist man nur am Boden.

Also tasten wir nach der Methode "Topfschlagen für Erwachsene", seitlich leicht versetzt, den Raum Stück für Stück ab. Hindernisse zwingen uns zu Ausweichmanövern. Schon nach einigen Metern stoßen wir zusammen. Nur durch gegenseitiges Tasten nach den Gummistiefeln oder dem Helm des Partners lässt sich feststellen, welche Richtung er eingeschlagen hat. Ein langes Seil am Gürtel, das von Kollegen draußen gespannt wird, ist unsere Rückweg-Versicherung - und ständig im Weg. Im Uhrzeigersinn geht es durch den Raum, immer an den Wänden entlang.

Plötzlich ein Tisch. Holzstühle. Wir tasten alles ab. Nichts. Als es gerade weiter gehen soll, stoßen wir auf etwas Weiches. Die Puppe hängt in einer Ecke! Um ein Haar hätten wir sie nicht bemerkt. Wir stecken die Köpfe zusammen und brüllen gegen den Lärm an, wie wir weiter vorgehen. Die Masken erlauben das Sprechen, dämpfen die Lautstärke aber stark ab.

Die Puppe erscheint unglaublich schwer, 70 Kilogramm, wie wir später erfahren. Eigentlich kein besonders schwerer Mensch. Tragen würde zwar zu zweit gehen, aber aufstehen ist ja nicht drin. Also zerren wir auf Knien - einer an den Füßen, einer unter den Achseln der Puppe. Schwerstarbeit. Die Knie, der Rücken schmerzen, der Schweiß läuft in Strömen. In der Garage ist es etwa fünf Grad warm.

Dann ist es geschafft. Wie lange die Rettungsaktion gedauert hat, wissen wir nicht. Fünf Minuten? Zehn? Das Zeitgefühl ist unter Stress trügerisch. Wir können es nicht abschätzen. Als wir die Masken abnehmen sind wir erschrocken, dass zwischen dem Eingang und der Puppe keine zehn Meter lagen. Wie lange braucht man, um eine völlig unbekannte Wohnung mit vielen Zimmern, womöglich mehrere Etagen abzusuchen? Wie groß muss der Stress sein, wenn dort ein Feuer tobt? Wenn es unerträglich heiß ist? Wenn echte Menschen auf Hilfe warten?

Die 15 angehenden Geräteträger bekommen schon zwei Tage später einen Vorgeschmack darauf. Dann müssen sie sich zum ersten Mal auf der Atemschutzübungsstrecke in Schweinfurt bewähren und sich durch echte Hitze und echten Qualm kämpfen.

 

Landkreis wieder gut aufgestellt

Kreis Schweinfurt (SDI) Nach einer Vorschriftsänderung zum 1. Januar 2004 war die Zahl der Atemschutzgeräteträger im Landkreis dramatisch zurückgegangen - von 720 auf 235. Diese Zahl kam zustande, nachdem der Kreisfeuerwehrverband überprüft hatte, wer überhaupt noch die neuen, strengeren Kriterien erfüllt. Nach den neuen Vorschriften sind eine jährliche Gesundheitsuntersuchung, eine theoretische Fortbildung und der regelmäßige Besuch der Übungsstrecke Pflicht.

Grund für die Änderung waren Todesfälle bei Einsätzen in der Nähe von Aschaffenburg, wo ein Geräteträger zusammengebrochen war, weil er eine Herzkrankheit verschwiegen hatte, und bei Passau, wo sich ein Feuerwehrmann aus unbekannten Gründen die Maske vom Gesicht gerissen hatte. "Bei uns hat es Gott sei Dank noch nie einen Unfall bei einem solchen Einsatz gegeben", sagt Kreisbrandinspektor Peter Höhn, der im Landkreis Schweinfurt für die Atemschutzausbildung verantwortlich ist.

Durch die Neuerung verloren viele ausgebildete Geräteträger ihre Einsatzberechtigung. Die Feuerwehren im Landkreis mussten reagieren und schickten ihre Leute zur Fortbildung und auf die Übungsstrecke in Schweinfurt, die einzige in Stadt und Landkreis. "Die ist voll ausgelastet", wie Höhn erklärt. Einmal pro Jahr ist sie für jeden Geräteträger Pflicht, sinnvoll seien mehrere Durchläufe.

Der Kreisfeuerwehrverband bildet in etwa drei bis vier Lehrgängen pro Jahr zum Atemschutzgeräteträger aus. Die meisten Teilnehmer sind zwischen 18 (das ist das Mindestalter) und 21 Jahren. Beim jüngsten Lehrgang waren 15 Mann dabei, "eine gute Lehrgangsgröße", sagt Höhn. Wenn zu viele Anfragen vorliegen, muss er die Feuerwehren bevorzugen, die bei den Geräteträgern unterbesetzt sind. Mittlerweile sind die Feuerwehren im Landkreis wieder recht gut versorgt. "450 bis 500 Einsatzbereite sind es", schätzt Höhn.

Bei einem Einsatz genügt ein einziges Zweier-Team nicht. Die Atemluft in der Flasche reicht unter Stress etwa eine halbe Stunde - inklusive Hin- und Rückweg im betreffenden Gebäude. "So bleiben für die eigentliche Aufgabe oft nur fünf oder zehn Minuten", erklärt Höhn. Danach muss das Team pausieren und ersetzt werden. Bei größeren Gebäuden muss zudem ein Zweier-Team als "Relais-Station" fungieren, weil sonst über die große Distanz der Funkkontakt abreißen würde.

Maximal dreimal kann ein Geräteträger bei einem Einsatz in das Gebäude. "Die psychische Belastung ist extrem groß", sagt Höhn. "Sie wissen nicht, was sie da drin erwartet."


15 Feuerwehrleute aus acht Wehren des Landkreises haben den Lehrgang für Atemschutzgeräteträger erfolgreich absolviert. Im Ausbildungszentrum in Niederwerrn und auf der Atemschutzübungsstrecke in Schweinfurt wurden sie von Kreisbrandinspektor Peter Höhn und den Kreisbrandmeistern Martin Helbig und Eugen Alban auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet. Die Ausbildung bestand aus 14 Stunden Theorie und 18 Stunden mit praktischen Übungen. In den zwei Wochen erfuhren die Feuerwehrler viel über die Atmung und über Atemgifte. Zum Abschluss standen eine praktische und eine schriftliche Prüfung an, die alle Teilnehmer bestanden. Neue Atemschutzgeräteträger sind: Michael Lenz, Thomas Lenz (beide Geldersheim), Alexander Mika, Peter Heupel (beide Hausen), Florian Kupfer (Mainberg), Daniel Kraus, Jürgen Kraus (beide Pfändhausen), Alexander Tollkühn, Florian Hümpfer, Markus Kippes, Matthias Vogel (alle Schonungen), Andreas Berg (Schwebheim), Rainer Seufert, Philip Volk (beide Wipfeld)

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